Der deutsche Film

Aktuellen Kinoerfolgen ist es zu verdanken, dass der deutsche Film 2006 erstmals seit Jahrzehnten wieder einen heimischen Marktanteil von 25 Prozent erreicht. Zu den großen Erfolgen gehören die Patrick-Süskind-Verfilmung „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“ von Tom Tykwer, die Märchen-Parodie „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ von dem Erfolgsteam um Otto Waalkes oder Sönke Wortmanns Fußballdokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ Allein Bernd Eichingers rund 50 Millionen Euro teurer Thriller über den mörderischen Parfumeur zog in Deutschland bisher 5,3 Millionen Besucher in die Kinos. In den USA wird dieses düstere Duftdrama am 28. Dezember von DreamWorks herausgebracht.

Für Aufsehen sorgte 2006 auch der deutsche Nachwuchsregisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Überraschungs-Hit „Das Leben der Anderen“, der 2007 den Oscar als bester auslädnischger Film erhielt (siehe Beitrag unten). Eine zentrale Rolle in „Das Leben der Anderen“ spielt die vielseitige Charakterdarstellerin Martina Gedeck. Letzten Kinoherbst brillierte sie außerdem in dem Liebes- und Familiendrama „Sommer ’04“ von Stefan Krohmer, das bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes als „deutsche Nouvelle-Vague-Entdeckung“ gefeiert wurde.

Zu den Stars des deutschen Kinos gehört ebenso die vielversprechende Nachwuchsschauspielerin Alexandra-Maria Lara, die Francis Ford Coppola für sein Vorkriegsdrama „Youth Without Youth“ engagiert hat. Bereits zum Shooting Star gekürt wurde Jürgen Vogel, der derzeit in dem stimmungsvollen Roadmovie „Ein Freund von mir“ von Sebastian Schipper über die deutschen Autobahnen rast. Mit den Filmen der Berliner Talentschmiede X Filme Creative Pool groß geworden ist sein Filmpartner Daniel Brühl, dem mit der köstlichen DDR-Komödie „Good Bye, Lenin!“ der internationale Durchbruch gelang.

Diese Renaissance des deutschen Films ist wesentlich auf seinen radikalen Image-Wechsel zurückzuführen, den der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick bei seinem Amtsantritt 2002 eingeleitet hat. Inzwischen stehen dort deutsche Regisseure, Produzenten und Verleiher mit ihren neuen Produktionen Schlange. Der Hamburger Filmemacher Fatih Akin wurde durch den Goldenen Bären in Berlin für „Gegen die Wand“ über Nacht bekannt und produziert jetzt sein neues Werk „Auf der anderen Seite“. Gerade hinter der Kamera hat das vitale deutsche Kino kreative Talente zu bieten. Mit dem aufwändigen CGI-Animationsfilm „Urmel aus dem Eis“ haben die Produzenten Reinhard Kloos und Holger Tappe Deutschlands erfolgreichsten Dino aus der Augsburger Puppenkiste auf die Kinoleinwand gebracht. Eichingers Constantin Film hat mit „Urmel im Wunderland“ bereits eine Fortsetzung dieses originellen Kinder-Trickfilms angekündigt.

Oscar-Preisverleihung 2007 "Das Leben der anderen", Quelle: www.magazine-deutschland.de

Und der Oscar geht nach... Deutschland

Triumph für Das Leben der Anderen

Jubel pur im Kodak Theatre: Florian Henckel von Donnersmarck springt auf, umarmt seine Frau, seine Schauspieler, alle Stars um ihn herum. Der 33-Jährige hat es geschafft: Er hat die begehrteste Filmtrophäe der Welt gewonnen - mit seinem Erstlingswerk. Sein Weg zum gefeierten Nachwuchsregisseur klingt wie im Märchen: Im November 1997 suchte Florian Henckel von Donnersmarck, damals Student an der Münchner Filmschule, verzweifelt Skriptideen für den Unterricht. Entnervt legte er sich eines Abends auf den Fußboden seines Studentenzimmers und hörte Beethoven. Lenin, sinnierte er, mied einst Beethovens „Appassionata“, weil sie ihn so sehr anrührte, dass er fürchtete, zu sanftmütig für die Revolution zu werden. Plötzlich schießen dem Studenten Bilder durch den Kopf: Er sieht einen Mann mit einem großen Kopfhörer. Der Mann ist Spitzel und hört ein Opfer ab, das hinreißend Klavier spielt. Innerhalb weniger Minuten spult sich im Kopf von Florian Henckel von Donnersmarck eine Geschichte ab: „Das Leben der Anderen“ – die Idee für einen Film über einen DDR-Offizier der Staatssicherheit, der durch Musik zum Menschenfreund wird. Noch während des Studiums beginnt der Jungregisseur mit der Umsetzung. Das Ergebnis ist fulminant: Ein spannend, sinnlich und mit viel Komik erzählter Film über einen für alle totalitären Systeme typischen Mitläufer. Eine Ode an die Macht der Kunst, die 2006 gleich sieben „Lolas“ beim Deutschen Filmpreis gewinnt. Und jetzt 2007 die Sensation: "Das Leben der Anderen" gewinnt den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film.

Der 2,05 Meter große Jungstar – unprätentiös, höflich, konzentriert – empfängt am Esstisch seiner Berliner Altbauwohnung. Ehefrau Christiane serviert Kuchen, im Nebenzimmer plärrt Baby Leo. Der Regisseur lässt sich nicht ablenken: Er erzählt von den Schwierigkeiten, genügend Finanzierungsquellen für seinen Debütfilm aufzutreiben, von seinem Ringen um Perfektion. „Ich bin kein guter Improvisierer“, verrät der heute 33-Jährige. Ein Schwachpunkt beim Filmemachen? „Nein, ich bin immer gut vorbereitet.“ Bevor er anfing, Schauspieler und Geldgeber für „Das Leben der Anderen“ zu kontaktieren, bereitete er sich allein mehr als ein Jahr auf sein Thema vor. Genauso gründlich verfasste er das Drehbuch. Jede Szene, jeder Satz wurde immer wieder überarbeitet, zugespitzt. Das überzeugte schließlich renommierte Schauspieler wie Ulrich Mühe, Martina Gedeck und Sebastian Koch. Sie machten nicht nur mit beim Erstlingswerk des Unbekannten, sie verzichteten sogar auf einen Großteil ihrer Gagen. Eine hochkarätige Besetzung wäre bei dem kleinen Budget von 1,7 Millionen Euro sonst nie möglich gewesen. Nach fünf Jahren war das Ringen um Perfektion endlich erfolgreich abgeschlossen. Heute schmunzelt der Regisseur, auf einer Zuckertüte in einem Café habe er einmal ein gutes Leitmotiv gelesen: „Der Weg des geringsten Widerstands ist nur am Anfang asphaltiert.“ Irene von Hardenberg(Quelle: www.magazine-deutschland.de)

Rainer Werner Fassbinder (picture-alliance/dpa)

Entwicklungstrends

Der Ruf des früheren „neuen deutschen Films“ gründete auf den Erfolgen der Autorenfilmer wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Alexander Kluge oder Werner Schroeter, die einst „Opas Kino“ für tot erklärt haben. Diese Generation ist inzwischen selbst in die Jahre gekommen.

Den Tod des Kinorevolutionärs Fassbinder im Juni 1982 kommentierte der deutsche Regisseur Hans-Jürgen Syberberg damals mit den Worten: „Jetzt wird er zum Mythos". In der Tat orientierte sich 20 Jahre später eine ganze Generation von Filmemachern an seinem Stil, zu dem ihn selbst andere große Meister wie Douglas Sirk oder Michael Curtiz inspiriert hatten. Die Magie dieser Ikone des deutschen Films wirkte jahrzehntelang so stark nach, dass das renommierte New York Film Festival es selbst noch 1999 vorzog, aus Deutschland lieber einen alten Fassbinder-Film im Programm zu präsentieren als aktuelle Kinoproduktionen wie „Lola rennt“ von Tom Tykwer.

In Deutschland hingegen lassen sich hippe, junge Filmemacher wie Ulrich Köhler („Bungalow“), Matthias Luthardt („Pingpong“), Angelina Maccarone („Verfolgt“), Christoph Hochhäusler („Falscher Bekenner“) oder Stefan Krohmer („Sommer ’04“) gerne von den Einflüssen der „Nouvelle Vague“ inspirieren. Vorzugsweise mit langen statischen Einstellungen, minimalistischen Dialogen und kontrastreichen Schwarzweißbildern.

Das deutsche Kino bietet gerade in jüngster Zeit eine ungeahnte Vielfalt. Sie reicht von alltäglicher Großstadttristesse wie in Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“ und gehässigen Polit-Satiren wie „ Bye, Bye Berlusconi!“ von Jan Hendrik Stahlberg über authentische Milieustudien à la „Knallhart“ von Detlev Buck bis hin zu kompromisslosen, emotionsgeladenen Liebes- und Lebensdramen wie „Gegen die Wand“ von Fatih Akin oder „Requiem“ von Hans-Christian Schmid. Selbstbewusst setzt die neue Generation von Filmemachern auf ihre eigenen Stile und Formen, um im Kino große und kleine Geschichten zu erzählen, die visuell bestechen und dabei spürbar unter die Haut gehen.Bild: Rainer Werner Fassbinder